In den Weingärten des Delinat-Winzers Albet i Noyas gibt es über 60 verschiedene Vogelarten. Wie ist diese Vielfalt möglich? Die Antwort liegt in einem Zusammenspiel aus robusten Rebsorten, gezielter Nicht-Bearbeitung und dem Schaffen von Strukturen, die anderswo kaum mehr vorkommen.
Blogartikel von Olivier Geissbühler
Ein Weinberg, der nur aus Reben besteht mit kahlem Boden zwischen den Zeilen, sauber gespritzt, ordentlich gemäht, ist für viele Winzerinnen und Winzer immer noch das Idealbild von Weinbau. Doch ein Weinberg, in dem nur Reben wachsen und sonst nichts, ist ökologisch gesehen eine Katastrophe. Perfekt für niemanden, ausser vielleicht für Traktorenverkäufer und Pflanzenschutzmittelhersteller.
Bei Delinat-Winzer Albet i Noya im spanischen Penedès sieht es zum Glück anders aus. Hier leben, brüten und jagen nebst vielen anderen Tieren rund 60 verschiedene Vogelarten im Weinberg und in dessen unmittelbarer Umgebung. Eine Zahl, die aufhorchen lässt, wenn man bedenkt, dass viele dieser Arten in der Schweiz und weiten Teilen Mitteleuropas kaum mehr zu sehen sind. Wie kann man als Winzerin oder Winzer einen Lebensraum für diese Vogelarten schaffen? Es ist ein Zusammenspiel aus robusten Rebsorten, gezielter Nicht-Bearbeitung und dem Schaffen von Strukturen, die anderswo kaum mehr vorkommen.
Der Kreislauf der Begrünung: Wenn Unkraut zu Vogelfutter wird
Im Penedès ist die Begrünung im Sommer komplett verdorrt. Alles, was blüht, vertrocknet und wird durch eine leichte Bodenbearbeitung wieder eingearbeitet, damit organisches Material zurück in den Boden gelangt. Doch sobald im Herbst die ersten Regen fallen, beginnt der Kreislauf von neuem: Die Winterbegrünung mit lokalen Wildkräutern startet neu. Kamille, Mohn, Ringelblumen und Erbsen treiben aus und bilden im Frühling eine Blütenpracht.
Diese Samenproduktion ist eine wichtige Futterquelle für Vögel. Die «Unkräuter», die in konventionellen Weinbergen möglichst schnell weggespritzt, abgemäht oder ausgerissen werden, sind hier die Grundlage eines ganzen Nahrungsnetzes, das bis in den Sommer hinein reicht.
Warum dieses System (fast) nur mit resistenten Rebsorten funktioniert
Dieses System funktioniert mit Abstand am besten mit PIWI-Rebsorten. Mit klassischen, anfälligen Sorten müsste man in Spanien mindestens fünfmal im Jahr mit der Spritze durch die Zeilen fahren, in der Schweiz zum Teil über 20 Mal. Jede Durchfahrt zerstört Bodenstruktur sowie Begrünung und macht oft eine anschliessende Bodenbearbeitung nötig, um die Schäden wieder zu reparieren. Für die aussamenden Wildpflanzen würde da schlicht keine Zeit bleiben: Man müsste spätestens Anfang Mai mähen oder spritzen, also lange bevor Mohn, Kamille & Co. ihre Samen ausgebildet haben.
Mit resistenten Sorten reduziert sich dieser Zeitdruck, weil 2-3 Behandlungen pro Saison ausreichen. Die Begrünung kann ausblühen, aussamen und sich selbst regulieren. Das Ergebnis ist ein Weinberg, der sich selbst im Gleichgewicht halten kann. Ökonomisch gesehen ist das die günstigste Produktionsform überhaupt: kein ständiger Neukauf von Saatgut, weniger Diesel, weniger Spritzmittel, weniger Reparaturarbeit am Boden. Ein Widerspruch zu einer Wirtschaftslogik, die vom Verbrauch lebt, aber ein Gewinn für Boden, Klima und eben: für die Vögel.
Es braucht mehr als Futter: Strukturen zum Wohnen
Nahrung allein reicht nicht, Vögel brauchen auch einen Ort zum Brüten. Bodenbrüter nisten oft direkt in der ungemähten Bordbegrünung am Rand der Rebzeilen. Andere Arten brauchen dichtes Gebüsch: In diesem Teil des Penedès ist das die mediterrane Macchia mit wilder Pistazie, wilden Oliven und Steineichen. Dichte, undurchdringliche Strukturen, die von Vögeln als Bruthabitat bevorzugt werden. Wieder andere, etwa Schwalben, Rotkehlchen oder die Bachstelze, nisten an Gebäuden und sind auf die Höfe und Nebengebäude des Betriebs angewiesen.
Höhlenbrüter wie Meisen oder Baumläufer nisten traditionell in toten Bäumen. Da moderne Landwirtschaft, oft auch im biologischen Anbau, tote Bäume in der Regel sofort entfernt, fehlt diesen Arten der natürliche Lebensraum. Die einfache Lösung sind Nistkästen, aufgehängt an Rebpfosten oder an Bäumen in den umliegenden Strukturen, sie schaffen sofort neuen Wohnraum. Diese Vielfalt an Strukturen ist es, die am Ende die beeindruckende Zahl von 60 Arten in und um die Weinberge möglich macht.
Welche Funktion haben Vögel im Weinberg-Ökosystem?
Vögel sind im Weinberg auch aktiver Teil der biologischen Schädlingskontrolle. Je vielfältiger die Pflanzengesellschaft, desto mehr Schmetterlinge, Insekten und andere Kleintiere leben im Ökoystem. Nützlinge brauchen immer etwas zu fressen; zum Beispiel durch eine vielfältige Begrünung. Kommt dann tatsächlich ein Schädling wie der Traubenwickler, wird er von Insekten und von Vögeln reguliert. Je mehr Arten in einem System leben, desto stabiler wird das gesamte Gleichgewicht.
Dasselbe gilt für Raubmilben, die Spinnmilben in Schach halten. Aber halt nur, wenn sie in den Monaten, in denen die Rebe noch nicht austreibt, ebenfalls etwas zu fressen finden. Ein Weinberg mit nichts als nackten Reben bietet diesen Nützlingen keine Überlebensgrundlage. Die Folge sind unkontrollierte Ausbrüche von Schädlingen, die am Ende teuer mit Chemie bekämpft werden müssen. Der Weinberg der Zukunft sollte Lebensraum für möglichst viele verschiedene Tier- und Pflanzenarten sein, das macht ihn resilient und reduziert am Ende auch den Arbeitsaufwand.