Während der Klimawandel Europas Weinberge austrocknet, arbeiten Visionäre wie der Schweizer Rebenzüchter Valentin Blattner daran, Rebsorten zu entwickeln, die auch mit wenig Wasser Höchstleistungen bringen. Doch was genau macht eine Rebe trockenheitsresistent? Und wie gelingt es, solche Superpflanzen gezielt zu züchten?
Blogartikel von Olivier Geissbühler
Wer bei Trockenresistenz an tiefe Wurzeln denkt, liegt nur halb richtig. Laut Valentin Blattner ist vor allem eines entscheidend: die Blattstruktur. Je wachsiger und kleiner das Blatt, desto besser. „Solche Blätter verdunsten weniger Wasser und helfen der Pflanze, selbst in Hitzewellen stabil zu bleiben“, erklärt er. Ein gutes Beispiel sei die amerikanische Wildrebe Vitis rupestris, die in trockenen Regionen zuhause ist – mit kleinen, ledrigen Blättern, die wie von Wachs überzogen scheinen.
Tiefe Wurzeln wie bei der Unterlagsrebe mit dem Namen Richter 110 helfen ebenfalls. Doch wenn der Boden komplett ausgetrocknet ist, hilft auch die beste Wurzel nicht weiter. „Die Verdunstung über das Blatt ist der grösste Hebel“, so die Einschätzung von Valentin. Und deshalb sieht man im Feld auch klare Unterschiede: Während empfindliche Sorten wie Bianca bei Trockenheit sofort schlapp machen, bleibt ein Cabernet Blanc selbst bei spanischer Sommerhitze erstaunlich vital. Generell ist zu beobachten, dass PIWI-Sorten tendenziell eher hitzebeständiger sind als klassische Rebsorten.
Cabernet Blanc – das Vorbild mit den «Plastikblättern»
Valentins Favorit in Sachen Trockenheitsresistenz ist somit auch seine selbstgezüchtete Sorte Cabernet Blanc, welche vor allem in Deutschland schon sehr beliebt ist. Die Sorte trägt Gene von Cabernet Sauvignon und zeigt eine beeindruckende Toleranz gegenüber Hitze. „Sie hat diese ‚Plastikblätter‘, wie Josep Maria Albet i Noya immer sagt“, schmunzelt Valentin. Diese dichte Wachsschicht auf der Blattoberfläche schützt effektiv vor Austrocknung.
Doch nicht nur im Weinberg zeigt Cabernet Blanc Stärke – auch sensorisch überzeugt sie. Allerdings: In heissen Regionen wie Spanien verlieren die Trauben etwas an Frische und Aromatik. „Frucht und Säure lieben kalte Nächte“, erklärt Valentin. Deshalb sähe er auch Neuseeland als idealer Anbauort für diese Sorte. Sein derzeitiges Ziel ist es, Sorten zu züchten, die trockentolerant und zudem geschmacklich geeignet für heisse Anbauzonen sind.
Wie eine neue trockenresistente Rebe entsteht
Die Methode ist simpel – und dennoch ein Geduldsspiel: Selektion. In jeder Kreuzung gibt es extreme Ausreisser als Nachkommen, welche andere Eigenschaften als ihre Elternsorten aufweisen – zum Beispiel Reben, die besonders früh reifen, besonders wenig Zucker einlagern oder eben besonders trockenheitsresistent sind. „Man sucht sich immer die besten Kandidaten aus und kreuzt weiter mit ihnen“, erklärt Blattner. So entsteht über mehrere Generationen eine neue Sorte, die mit weniger Wasser auskommt, ohne geschmacklich Kompromisse zu machen.
Nicht nur Wildreben wie Rupestris, auch europäische hitzebeständige Rebsorten wie der spanische Bobal oder der griechische Assyrtiko könnten künftig in die Züchtung einfliessen. Doch die Herausforderungen sind hoch: Viele dieser Sorten sind geschmacklich eher neutral – und bringen deshalb wenig Mehrwert im Glas. Valentin Blattner setzt daher lieber auf Sorten, die Aromatik und Trockenresistenz verbinden – wie Cabernet Blanc oder andere Kreuzungen aus seinem Portfolio.
Der Wein der Zukunft: weniger Alkohol, mehr Frische
Ein weiteres Zuchtziel: weniger Alkohol trotz Hitze. Das gelingt über verschiedene Wege: über den Lesezeitpunkt, die Erntemenge – oder über gezielte Züchtung. „Sorten mit hohem Ertrag reifen oft langsamer und produzieren leichtere Weine“, so Valentin.
Gute Beispiele dafür sind die spanischen Sorten Xarel·lo, Parellada und Macabeo, welche sich auch für Schaumweine (Cava) bestens eignen. Deshalb haben Valentin und Delinat-Winzer Josep Maria Albet i Noya schon vor über 10 Jahren begonnen, mit diesen Sorten weiter zu kreuzen. Der Markt dürfte sich künftig eher in diese Richtung bewegen – weg von wuchtigen Totschlägern, hin zu trinkfreudigen, eleganten Weinen mit weniger Alkoholgehalt.
Unterlage nicht unterschätzen – aber auch nicht überschätzen
Auch bei den Unterlagsreben tut sich etwas. Zwar spielt das Wurzelsystem bei der Wasserversorgung eine wichtige Rolle – etwa durch mehr Biomasse oder tiefes Wurzelwerk – aber: „Wenn kein Wasser mehr da ist, nützt auch die beste Wurzel nichts.“, so Valentin.
Spannender sei der Trend in den USA, wo derzeit salztolerante Unterlagen gezüchtet werden. Denn mit der zunehmenden Bewässerung steigt der Salzgehalt in den Böden – ein oft unterschätztes Problem.
Neue Genetik braucht Geduld
Um Reben nicht nur trockenheits-, sondern auch krankheitsresistent zu machen, bleibt Valentin Blattner seinem PIWI-Prinzip treu: Pilzresistente Rebsorten, die zugleich klimafit und qualitativ hochwertig sind. Neue Resistenzgene lassen sich zwar aus Wildreben holen – doch der Weg zum trinkbaren Wein ist lang. „Wildreben bringen oft zu viel Tannin, zu wenig Frucht oder zu viel Säure. Man muss sie über mehrere Generationen hinweg rückkreuzen, um auf ein ausgewogenes Niveau zu kommen.“
Valentin nennt das «Domestizierung» von Wildreben durch Rückkreuzung. Dabei werden widerstandsfähige Gene erhalten, aber mit hochwertigen Rebsorten kombiniert, um Weinqualität und Resistenzen zu vereinen. Ein Paradebeispiel für diese Strategie ist seine Zusammenarbeit mit Josep Maria Albet i Noya im katalanischen Penedès.
Die Zukunft liegt in der Gen-Vielfalt
Kurz gesagt: Trockenheitsresistenz ist kein Zufall, sondern das Resultat jahrzehntelanger Züchtungsarbeit. Nur mit dem Reinzüchten von neuer DNA können Reben hitze- und trockenheitsbeständiger werden. Wachsige Blätter, ausgewogene Erträge, aromatische Komplexität und kluge Genkombinationen sind die Zutaten für den Wein der Zukunft.
Valentin Blattner zeigt, wie klassische Züchtung Antworten auf moderne Herausforderungen gibt – ganz ohne Genmanipulation, aber mit einem feinen Gespür für Natur und Genuss. Der Kampf gegen die Trockenheit hat längst begonnen. Und er wird wahrscheinlich nicht im Labor gewonnen – sondern bei der Selektion draussen im Weinberg.


