PIWIs gelten als eine der besten Antworten des Weinbaus im Bezug auf den Klimawandel und das Pestizid-Problem. Bis zu 80 Prozent weniger Fungizide, tiefere Kosten, weniger Arbeit im Rebberg. Die Vorteile pilzwiderstandsfähiger Rebsorten sind eigentlich längst bekannt. Und trotzdem: Die grosse Umstellungswelle auf neue Sorten bleibt aus. Warum eigentlich?
Blogartikel von Olivier Geissbühler
Eine neue Analyse von Eileen Ziehmann und Robert Finger von der ETH Zürich sowie Niklas Möhring von der Universität Bonn ging dieser Frage nach. Die Resultate wurden kürzlich im Fachjournal Agricultural Economics veröffentlicht.
In der Analyse wird deutlich: Der Hauptgrund für das Zögern beim Pflanzen von neuen Rebsorten ist die Angst vor der falschen Entscheidung zum falschen Zeitpunkt. Entscheidend bei Winzerinnen und Winzern ist dabei die jeweilige Einschätzung des Produktionsrisikos (Stichwort Krankheitsdruck) und des Marktrisikos (Stichwort Nachfrage der PIWI-Weine).
Ein Drittel aller Pestizide für eine einzige Kultur
Zur Erinnerung, worum es hier geht: In der Schweiz landet rund ein Drittel des gesamten Pflanzenschutzmitteleinsatzes im Rebberg. Das ist ein sehr hoher Anteil für eine einzige Kultur, vor allem wenn man bedenkt, dass sie nicht einmal direkt der Nahrungsmittelversorgung dient, sondern primär des Genusses. Kein Wunder also, dass der Weinbau politisch im Fokus steht, wenn es um die Reduktion von Pestizidrisiken geht.
PIWIs könnten hier den grössten Hebel liefern, den der Weinbau aktuell zu bieten hat. Und doch bleiben viele Rebflächen und sogar Neupflanzungen bei den klassischen, anfälligen Sorten. Die Forschenden wollten wissen: Woran liegt das wirklich?
Das Problem mit dem klassischen Kosten-Nutzen-Vergleich
Eine Investition in PIWI-Rebsorten kann man als Winzerin oder Winzer nicht einfach wie jede andere Investition berechnen: Also was kostet es, was bringt es, und wie viel ist das in heutigem Geld wert. Beim Pflanzen von neuen Sorten ist die Entscheidung etwas komplizierter.
Denn eine Rebe, die einmal gepflanzt ist, lässt sich nicht einfach wieder herausreissen und zurückverkaufen, wenn sich die Umstände ändern. Die Investition ist deshalb in gewisser Weise unumkehrbar. Sie bindet Kapital für 20 bis 30 Jahre, und das in einer Zeit, in der niemand genau weiss, wie sich Krankheitsdruck, Klima und Konsumentennachfrage entwickeln werden.
Genau diese Kombination, also hohe, irreversible Kosten plus grosse Unsicherheit für die Zukunft, macht ein Entscheid für grossflächige PIWI-Pflanzungen für Winzerinnen und Winzer so schwer. Das leuchtet ein.
Zukünftige Chancen und Risiken schwer einschätzbar
Die Forschenden haben deshalb für die Analyse ein bioökonomisches Simulationsmodell entwickelt, das auf dem sogenannten Realoptionsansatz basiert. Simuliert wurde ein typischer Schweizer Weinbaubetrieb über 20 Jahre, unter Berücksichtigung von zwei zentralen Risiken:
- Krankheitsdruck als Produktionsrisiko: Bei klassischen Sorten schwankt das Ausfallrisiko durch Falschen und Echten Mehltau von Jahr zu Jahr stark. PIWIs fangen dieses Risiko zu einem grossen Teil ab, aber wie stark genau, kann man nicht genau sagen.
- Konsumentennachfrage als Marktrisiko: Zahlen Weintrinkende künftig mehr für PIWI-Weine, weniger oder gleich viel wie für herkömmliche Sorten? Auch das lässt sich nicht genau voraussagen.
Je nach verschiedenen Zukunftsszenarios fallen die betrieblichen Anbauentscheidungen dann eher Richtung PIWI-Sorten oder traditionelle Sorten aus. Ein weiterer Faktor sind die happigen Mehrkosten bei einer Neupflanzung: Das Herausreissen alter Reben und die Neuanpflanzung kosten in der Schweiz rund 100’000 Franken pro Hektar. Der Staat unterstützt mit Strukturverbesserungsbeiträgen von 30’000 Franken pro Hektar PIWI-Neupflanzungen. Das ist hilfreich für einen zusätzlichen Anreiz, aber überzeugt offenbar nicht alle Schweizer Winzerinnen und Winzer für den Umstieg auf PIWI-Sorten.
Das Resultat: Abwarten ist oft (noch) die erste Wahl
Und damit kommen wir zum Fazit der Analyse: Das Zögern der Betriebe ist kein Zeichen von Verweigerung, sondern eher ein Abwarten. Doch wer investiert eher früh in PIWIs? Die Simulation zeigt drei Muster:
- Betriebe mit tiefen Kalkulationszinsen, die also langfristiger denken (und rechnen) können.
- Betriebe, die mit Preisaufschlägen für PIWI-Weine rechnen.
- Betriebe, die bereits hohe Ausfälle durch Mehltau bei klassischen Sorten erleiden.
Interessant: Die heutigen finanziellen Förderbeiträge in der Schweiz sind für diese Entscheidung offenbar nicht der entscheidende Faktor. Geld allein überzeugt die Winzerinnen und Winzer also nicht, früher auf PIWI-Sorten zu setzen.
Die gute Nachricht der Studie: Langfristig werden sich PIWI-Sorten wahrscheinlich so oder so durchsetzen. Nämlich dann, wenn alte Rebstöcke ohnehin das Ende ihrer Lebenszeit erreichen und turnusmässig ersetzt werden müssen. Der natürliche Erneuerungszyklus wird die Umstellung von selbst vorantreiben. Das Problem: Die klimapolitischen Ziele zur Pestizidreduktion haben keine 20 bis 30 Jahre Zeit. Es braucht Tempo, und zwar jetzt.
Was den Umstellungsprozess beschleunigen könnte
Die Studie liefert auch klare Handlungsansätze, wie der PIWI-Anbau gefördert werden kann:
Marktanreize stärken. Preisaufschläge für PIWI-Weine sind einer der stärksten Hebel überhaupt. Wer die Nachhaltigkeitsvorteile von PIWIs sichtbarer macht, erhöht die Zahlungsbereitschaft und damit die Investitionsbereitschaft der Produzentinnen und Produzenten.
Vorteile für die Winzerinnen und Winzer besser kommunizieren. Tiefere Kosten, weniger Arbeitsaufwand, mehr Widerstandsfähigkeit gegenüber einem durch den Klimawandel steigenden Krankheitsdruck. Diese Argumente sind stark, kommen aber offenbar in ihrer Tragweite noch zu wenig bei den Winzerinnen und Winzern an. Gerade Betriebe mit hochpreisigen Weinen und entsprechend hohen Opportunitätskosten müssten hier gezielter informiert werden, nicht zuletzt was das Qualitätspotenzial von PIWI-Weinen betrifft.
Förderinstrumente klüger bündeln. Einzelne Investitionsbeiträge reichen nicht. Es braucht Pakete: Strukturverbesserungsbeiträge kombiniert mit Marktanreizen entlang der ganzen Wertschöpfungskette, von der Rebe bis ins Weinglas. Und: technisches Know-how zur Vinifikation von PIWI-Trauben muss mitgedacht werden, damit Winzerinnen und Winzer das Potenzial dieser Sorten überhaupt ausschöpfen können.
Risiko aktiv reduzieren. Am Ende bleibt Risiko das grösste Hemmnis. Jede Massnahme, die Unsicherheit für die Betriebe spürbar senkt, ob bei Markt, Klima oder Krankheitsdruck, beschleunigt die Umstellung direkt.
Umstellung auf PIWIs muss möglichst einfach werden – Umpfropfen als Lösung?
Winzerinnen und Winzer, die noch nicht auf PIWIs umgestellt haben, sind nicht per se Bremser des Fortschritts. Sie treffen, unter den heutigen Bedingungen, häufig schlicht die (kurzfristig) wirtschaftlich vernünftigere Entscheidung. Genau das macht die Sache kompliziert und genau hier muss Politik ansetzen: Mit Massnahmen, die das Risiko des Abwartens spürbar teurer machen als das Risiko der Umstellung.
Eine möglicher Lösungsansatz, der in der Studie nicht genannt wurde und eine Umstellung erheblich günstiger machen würde, ist das Umpfropfen von herkömmlichen Rebsorten auf PIWI-Sorten. Dabei werden auf bestehenden Rebstöcken neue Sorten aufgepfropft und im Idealfall klappt das sogar ohne ein Jahr Ertragsausfall. Man muss also mit dieser Methode nicht ganze Weinberge mühsam ausreissen, neu pflanzen und dann drei Jahre auf den ersten Ertrag warten, was viele Kosten spart und das Risiko deutlich senkt.
Die Herausforderung bei dieser Methode ist zum einen das fehlende Know-How: Man muss sehr sorgfältig arbeiten, damit die neuen Sorten auch gut auf den bestehenden Rebstöcken wachsen. Dazu stellt sich die Frage, wie man an das Holz der neuen Sorten kommt und was (und wen) man dafür bezahlt, weil man ja nicht einfach wie bei einer Neupflanzung bei einer Rebschule fertige Pfropfreben bestellt und Lizenzgebühren für die jeweiligen Sorten etc. gleich mitbezahlt. Das müsste alles gezielt gefördert und vereinfacht werden und die Winzerinnen und Winzer bräuchten in diesem Bereich zusätzliche Information und Schulung.



