Monokulturen machen Weinberge anfällig – Mischkulturen dagegen stärken Reben, erhöhen die Erträge und schützen die Natur. Delinat-Winzer Roland Lenz zeigt, wie Vielfalt im Weinberg zur zukunftsfähigen Erfolgsstrategie wird.
Blogbeitrag von Olivier Geissbühler
Weinberge sehen heute meistens immer noch so aus: endlose Reihen von Reben, sauber und lückenlos, ohne andere Pflanzen oder Kulturen dazwischen. Dieses Monokultursystem mag effizient erscheinen, ist aber in vielerlei Hinsicht anfällig – für Krankheiten, Schädlinge und die Folgen des Klimawandels. Der Delinat-Winzer Roland Lenz aus der Schweiz zeigt jedoch, dass es auch anders geht: mit Mischkultur.
Roland Lenz steht inmitten seines Weinbergs – doch wer genauer hinsieht, merkt schnell: Hier wachsen nicht nur Reben. Zwischen den Stöcken reihen sich Haselnusssträucher, da und dort Obstbäume, am Boden blühen Kräuter. Was auf den ersten Blick wie ein wildes Durcheinander wirkt, ist in Wahrheit ein durchdachtes System.
Überlebenswichtige Strategie für die Zukunft
Für Roland Lenz ist diese Vielfalt eine wichtige Strategie für die Zukunft. Monokulturen, wie man sie in den meisten Weinregionen kennt, mögen einfach zu organisieren sein, doch sie sind anfällig – für Krankheiten, Schädlinge und die Launen des Klimas. Mischkultur dagegen schafft ein stabiles Ökosystem. Unterschiedliche Pflanzenarten sorgen für ein vielfältiges Mikroklima, das Pilzkrankheiten bremst, den Boden lebendig hält und den Reben Schatten spendet, wenn die Sommersonne brennt.
Der Clou: Der Weinberg bringt mehr als nur Trauben hervor. Haselnüsse, Obst und Getreide können zusätzlich geerntet werden – eine zweite und dritte Einnahmequelle, die hilft, Ernteausfälle auszugleichen. „Ich kann die Fläche viel besser nutzen und habe gesunde Reben“, erklärt der Delinat-Winzer. Die verschiedenen Kulturen konkurrieren kaum, weil sie unterschiedliche Nährstoffe und Wasser aus unterschiedlichen Bodenschichten ziehen.
Heute noch Grauzone – in Zukunft vielleicht (wieder) Standard
Auch die Natur profitiert. Blühende Kräuter locken Insekten an, Sträucher bieten Vögeln Unterschlupf, Bäume speichern CO₂. Das Ergebnis ist ein lebendiger, widerstandsfähiger Weinberg, der keine Chemie braucht und besser mit Hitze und Starkregen zurechtkommt. Es ist ein System, das früher aus gutem Grund Standard war – bis die Mechanisierung in der Landwirtschaft überhand nahm.
Noch ist Mischkultur im Weinbau in der Schweiz rechtlich gesehen eine Grauzone und wird lediglich geduldet. Roland Lenz arbeitet daran, das zu ändern – mit einem neuen Kulturcode, der „Permakultur mit Reben“ offiziell anerkennen soll. Sollte das gelingen, könnte sein Ansatz zum Vorbild werden. Denn sein Weinberg zeigt eindrucksvoll: Vielfalt ist nicht nur schön, sie ist überlebenswichtig für den Weinbau der Zukunft.
Wie Roland Lenz seine Vision vom klimapositiven Weinbau mithilfe eines umfassenden Energiekonzeptes umsetzt, erfährst du in diesem Beitrag.
Transkript
Ich glaube, auf diesen Ämtern wissen sie selbst nicht,
was dagegen sprechen könnte.
Es hat es einfach noch nie jemand ausprobiert.
Es ist eine neue Situation.
Und immer wenn neue Situationen auftreten,
wird es schwierig.
“Da mahlen die Mühlen langsam.”
Es ist so, dass wir so wie einen Waffenstillstand haben
zwischen dem Landwirtschaftsamt und dem Bundesamt für Landwirtschaft.
Im Sinne von: Man toleriert das momentan,
dass in den Rebbauzonen, neben den Reben plötzlich auch Haselnüsse zum Beispiel angebaut werden,
und wir jedoch auf der ganzen Fläche
das Kontigent behalten können,
wo wir Trauben für die Weinproduktion erzeugen dürfen.
Ich schätze, dass sich das in den
nächsten drei Jahren klären wird.
Wir haben jetzt mit dem Rebbaukommissariat
der Kantone Thurgau/Schaffhausen
einen neuen Kulturcode beim Bundesamt für
Landwirtschaft eingereicht, der heisst Permakultur mit Reben.
Wenn das genehmigt wird, wäre es
langfristig erlaubt,
dass man auf einem Hektar Reben zum Beispiel ein Minimum an
Reben haben müsste, z.B. 3000 Stöcke.
Und auf der Restfläche Fruchtbäume pflanzen oder Getreide anbauen könnte, ganz offiziell.
Und dann wäre die gesamte Fläche
immer noch im Rebbaukataster drin.
Wir haben einen Drittel der Reben ausgerissen.
Das heisst, wir haben zwei Reihen Reben
und die dritte Reihe fehlt.
Und anstatt Reben haben wir
in der dritten Reihe zum Beispiel Haselnuss-Kulturen.
Es gibt auch andere Fruchtbäume, die wir pflanzen,
wie Maulbeeren, Khaki, usw.
Und man sieht dort drüben auch Hafer, wir haben auch sogenannte
Fruchtfolgeflächen, die wir in den Reben drin machen.
Wir haben einen Mähdrescher gekauft, einen sogenannten Parzellen-Mähdrescher, der ist nur ein Meter breit circa.
Damit können wir zwischen den Reben unabhängig ernten.
Dort ist das Ziel, dass wir nebst Hafer,
Dass man auch Buchweizen anbaut, Dinkel, Hanf und so weiter.
Wir haben das Gefühl, dass Haselnüsse gut zu den Reben passen.
Wir haben da auch schon ältere Anlagen,
7-jährige Mischkulturen oder Permakulturen.
Das passt gut, die harmonieren zusammen.
Beim Getreide ist es halt so:
Das Getreide ist nur kurz da.
Den Hafer zum Beispiel haben wir im Februar eingesät,
und der wird jetzt in zwei Wochen,
also ca. Mitte Juli, bereits geerntet.
Was für einen Einfluss der Hafer
jetzt wirklich auf die Rebe hat,
ist schwer abzuschätzen.
Aber ich habe das Gefühl,
Getreide an und für sich
tangiert die Rebe nicht.
Es ist ja auch so: Nach dem Hafer
kommt sofort wieder eine Gründüngung rein.
Also wir werden für den Boden
wieder etwas Belebendes einpflanzen.
Und dann dort in einem halben Jahr
auch wieder etwas einsäen, das man erntet.
Und die Gründüngung bleibt auf der Fläche,
die hat den Auftrag, den Boden zu beleben
und Blattmasse, also Futter zu liefern
für die Mikroorganismen.
Insgesamt ist es so, dass einfach weniger Reben auf derselben Fläche stehen, das heisst, die Monokultur nimmt ab.
Und die Diversifizierung nimmt zu.
Und das hat natürlich einen riesigen Einfluss
auf die Reben, weil der Krankheitsdruck abnimmt.
Also das ist ganz klar.
Dass der Mehltaudruck zum Beispiel viel tiefer ist.
Und das hilft den PIWIs einmal mehr,
sie kommen weniger in Stress.
Dort, wo wir schon ältere Rebanlagen haben,
wo man aus dem Vollen schöpfen kann,
was die Nährstoffsituation im fruchtbaren Boden anbelangt.
Dort können wir eine Stammverlängerung machen.
Wir können mehr Triebe pro Rebe laufen lassen,
dass gibt natürlich auch mehr Trauben.
Und dementsprechend kompensiert
der einzelne Rebstock diesen Drittel.
Und die Qualität ist genau gleich.
Und das ist nicht etwas, das wir jetzt ganz neu machen,
das machen wir bereits seit 5 Jahren
und haben dadurch schon eine relativ grosse Erfahrung.
Es ist so, dass die Qualität,
wenn ein Rebstock mehr produziert,
muss sie natürlich dann
auf den Boden angepasst werden,
im Sinne der Nährstoffsituation.
Also wenn da wieder eine Balance herrscht
zwischen der Nährstoffsituation vom Boden her
und der Menge an Trauben, die der einzelne Rebstock hat,
dann ist die Qualität genau gleich hoch.
Es ist ganz klar: Wenn der Boden quasi ausgelaugt ist,
am Existenzminimum läuft,
dann produziert die Rebe
logischerweise auch nicht viel Trauben
und die Trauben, die da sind,
haben möglicherweise sogar ein Qualitätsproblem,
weil die Rebe immer am Limit läuft.