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PIWI-Sorten in Deutschland auf dem Vormarsch

Die Weinwelt steckt in der Klemme. Volle Keller, sinkender Konsum, steigende Kosten, und der Klimawandel macht das Ganze nicht einfacher. In dieser Situation wäre man gut beraten, die alten Gewohnheiten zu hinterfragen. Genau das tun immer mehr Winzerinnen und Winzer in Deutschland, denn sie pflanzen vermehrt PIWI-Sorten.

In vielen europäischen Anbauregionen werden Rebflächen aufgegeben. In Deutschland ist die Gesamtrebfläche 2025 auf rund 102.000 Hektar gesunken; das entspricht dem Niveau des Jahres 2007. Mitten in diesem Abschwung gibt es jedoch einen Gewinner: die PIWI-Sorten, also neue, pilzwiderstandsfähige Rebsorten. Sie wuchsen 2025 um ganze zehn Prozent auf rund 4000 Hektar, entgegen dem allgemeinen Trend.

PIWI-Sorten haben für die Herausforderungen der Zukunft entscheidende Vorteile:

  • Weniger Spritzmittel: Bei krankheitsanfälligen Sorten wie Chardonnay oder Sauvignon Blanc sind 10–15 Pflanzenschutzbehandlungen pro Saison keine Seltenheit. PIWI-Sorten kommen oft mit zwei bis vier aus.
  • Weniger Dieselverbrauch: Jede Traktorfahrt weniger schont Geldbeutel und CO2-Abdruck.
  • Weniger Arbeitsstunden: Mehr Zeit für das, was Weinmachen schön macht.
  • Neue Absatzmärkte: Neue, spannende, eigenständige Weine, die nachhaltig produziert wurden.

Kurz gesagt: In Zeiten von Überproduktion und Preisdruck sind PIWI-Sorten nicht nur ein «Nice-to-Have», sondern ein ernsthafter Wettbewerbsvorteil.

Souvignier Gris immer noch beliebteste PIWI-Sorte

An der Spitze der meistgepflanztesten Sorte im Jahr 2025 ist Souvignier Gris, bereits im zweiten Jahr in Folge. Mit einem Zuwachs von 170 Hektar ist sie die am stärksten wachsende Rebsorte Deutschlands überhaupt, deutlich vor Chardonnay (+102 ha). Aktuell sind 766 Hektar bepflanzt. Damit ist Souvignier gris die mit Abstand wichtigste weisse PIWI-Sorte in Deutschland.

Souvignier Gris wurde bereits im Jahr 1983 am Staatlichen Weinbauinstitut Freiburg gezüchtet. Es ist eine Kreuzung aus Seyval Blanc und Zähringer (und nicht wie früher lange vermutet Cabernet Sauvignon und Bronner). Souvignier gris liefert Weine mit aromatischer Fülle, feiner Säure und einem unverwechselbaren Charakter, von würzigen Kräuternoten bis zu exotischen Fruchttönen. Die Sorte ist robust gegenüber Mehltau und Botrytis, reift früh und eignet sich für eine breite Stilistik: trocken ausgebaut, als Schaumwein oder im Barrique. Für Winzerinnen und Winzer ist sie deshalb oft die erste Wahl bei einer Neupflanzung: robust, gute Qualität und viele stilistische Optionen.

PIWI-Sorten von Valentin Blattner vorne mit dabei

Auf Platz zwei der erfolgreichsten weissen PIWI-Sorten in Deutschland folgt Cabernet Blanc mit 356 Hektar. Die Sorte wurde von Valentin Blattner gezüchtet und ist ein Paradebeispiel für eine erfolgreiche PIWI-Sorte mit eigenständigem Charakter.

Cabernet Blanc besticht durch lebendige Säure, mineralische Frische und Aromen, die an Sauvignon Blanc erinnern, nur ohne dessen Empfindlichkeit gegenüber Krankheiten. Wer also Kundschaft bedienen möchte, die gerne Sauvignon Blanc trinkt, aber eigentlich etwas Nachhaltigeres im Glas haben möchte: Cabernet Blanc ist die Antwort.

Rote PIWI-Sorten verzeichnen ebenfalls leichtes Wachstum

Die roten PIWI-Sorten sind im Wachstum noch etwas verhaltener, was aufgrund des sinkenden Rotwein-Trends aber nicht erstaunt. Es gibt jedoch einige Sorten, welche trotzdem etwas zugelegt haben, darunter wiederum zwei Sorten des Rebenzüchters Valentin Blattner:

Satin Noir (+10 ha) von Valentin Blattner bringt das, was viele von einer roten PIWI-Sorte bisher vermisst haben: Tiefe, Struktur und einen samtig-weichen Abgang. Die Sorte überzeugt mit rubinroter Farbe, Kirsch- und Beerenfrucht sowie einer angenehmen Tanninstruktur.

Cabernet Cortis (+8 ha) ist eine der ältesten zugelassenen roten PIWI-Sorten (1982 in Freiburg gezüchtet) und kann immer noch auf eine wachsende Fangemeinde zählen. Vollmundig, dunkelfruchtig, mit einer würzigen Cabernet-Charakteristik, und bei weitem nicht so heikel wie sein bekannter Namensbruder.

Pinotin (+6 ha) von Valentin Blattner schliesslich füllt eine Lücke im PIWI-Segment: Eine robuste Sorte, welche an die Eleganz von Pinot Noir erinnert. Helle Rubinfarbe, feine Erdbeere und Waldbeere, seidene Textur. Wer Pinot Noir liebt, aber die damit verbundenen intensiven Pflanzenschutzmassnahmen nicht, sollte Pinotin genauer anschauen.

Und trotzdem: Warum im Jahr 2026 immer noch so viel Merlot und Chardonnay?

Und trotz der positiven PIWI-News, europäische Traubensorten sind immer noch beliebt. Der Merlot legte 2025 in Deutschland um 18 Hektar zu und kommt auf 981 Hektar. Auch Chardonnay und Sauvignon Blanc wuchsen. Das ist im Hinblick auf die aktuellen Herausforderungen schon ziemlich bemerkenswert.

Denn diese Sorten sind berüchtigt empfindlich. Falscher und Echter Mehltau, Botrytis, Phomopsis; Chardonnay und Sauvignon Blanc fordern regelmässig intensive Pflanzenschutzinterventionen. Merlot ist in feuchten Jahren anfällig für Fäulnis und Traubenmonilia. In Zeiten, in denen Betriebsmittelkosten explodieren und Nachhaltigkeitsauflagen zunehmen, ist das ein echtes wirtschaftliches Risiko. Man darf die Frage stellen: Wer pflanzt heute noch solch empfindliche Sorten, und aus welchem Grund? Marktzwang? Romantik? Angst vor dem Unbekannten?

Wie könnte die Entwicklung weitergehen?

Die Dynamik des Sortenwandels spricht eine klare Sprache. Wenn PIWI-Sorten in einem Krisenjahr um zehn Prozent wachsen, während der Rest schrumpft, dann ist das wahrscheinlich kein kurzfristiger Trend, eher ein stetiger Strukturwandel. In den nächsten 10-20 Jahren sind aus meiner Sicht folgende Szenarien denkbar:

PIWI-Anteile werden sich mindestens verdoppeln: Vier Prozent heute, 10-20 Prozent bis 2040 sind realistisch, wenn die ökonomischen Vorteile weiter sichtbar werden, alte Sorten laufend ausgerissen werden und neue PIWI-Sorten aus Züchtungsprogrammen auf den Markt kommen.

Weitere Pflanzenschutz-Regulierungen werden folgen: Die EU-Pflanzenschutzstrategie setzt auf massiv reduzierte Spritzmittelmengen. Wer mit PIWI-Sorten schon heute dort ist, wo andere erst hinkommen müssen, hat einen entscheidenden Vorsprung.

Premium-PIWI-Weine werden salonfähig: Die ersten Winzer beweisen bereits, dass PIWI-Weine in Blindverkostungen gegen konventionelle Spitzenweine bestehen können. Diese Geschichten werden sich verbreiten und werden dank wachsender Erfahrung im Keller zu immer besseren Qualitäten bei PIWI-Weinen führen.

Exportmärkte werden auf neue Sorten aufmerksam: Auch in Nordeuropa, Nordamerika und Asien wächst das Interesse an nachhaltigen, ehrlichen Produkten. Ein «pesticide-free» Etikett auf einem PIWI-Wein aus Deutschland oder der Schweiz könnte künftig das sein, was neue Kundensegmente anspricht.

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