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Der grosse Genetik-Schatz von Wildreben

Wenn wir heute über PIWI-Rebsorten sprechen, klingt das oft nach moderner Züchtung, Laboren und Genetik. Doch der eigentliche Ursprung dieser Reben liegt weit zurück, in Wäldern, an Flussufern, in felsigen Schluchten und in extremen Klimazonen. Lange bevor Menschen begannen, Wein zu keltern, hatten sich verschiedenste Wildreben-Arten bereits an Krankheiten, Frost, Trockenheit und spezielle Bodenbedingungen angepasst.

Die europäische Kulturrebe Vitis vinifera hingegen, aus der (noch) fast alle klassischen Weine entstehen, wurde über Jahrhunderte auf Ertrag und Geschmack selektiert. Dabei ging jedoch anderes verloren, was in der Natur überlebenswichtig ist: Widerstandskraft gegen Pilzkrankheiten, Robustheit gegenüber Klimaextremen oder die Fähigkeit, mit wenig Wasser auszukommen. Genau hier kommen die Wildreben ins Spiel. Sie sind keine besseren Weinreben, aber sie tragen Eigenschaften in sich, die für die Zukunft des Weinbaus unverzichtbar sind.

Nordamerika – die Geburtsstunde der modernen Rebenzüchtung: Fluss- und Felsreben

Als im 19. Jahrhundert Mehltau und Reblaus aus Amerika nach Europa eingeschleppt wurden, stand der Weinbau kurz vor dem Kollaps. Die Rettung kam ausgerechnet von jenen amerikanischen Wildreben, die sich über Jahrtausende gemeinsam mit diesen Schädlingen weiterentwickelt hatten. Diese waren nämlich nicht anfällig gegen die Reblaus und konnten im Gegensatz zu den europäischen Sorten dem Schädling trotzen. Die Lösung waren robuste Unterlagen aus amerikanischen Wildreben, wo die europäischen Sorten dann aufgepfropft wurden.

Die Wildrebe Vitis riparia, die entlang von Flüssen und Auen wächst, brachte eine gute Frosthärte und frühe Reife mit. Sie wurde schnell zu einer wichtigen Grundlage für Unterlagen in kühlen Regionen. Die Wildreben Vitis rupestris und Vitis girdiana hingegen stammen aus trockenen, steinigen Landschaften. Ihre Fähigkeit, tiefe Wurzeln zu bilden und mit wenig Wasser auszukommen, macht sie besonders wertvoll für warme Standorte, allerdings auf Kosten der Kalkverträglichkeit. Diese Reben können jedoch unter extremer Hitze und Trockenheit überleben, was im Zuge des Klimawandels zunehmend an Bedeutung gewinnt.

Vitis berlandieri (übrigens nach dem Schweizer Biologen Jean Louis Berlandier benannt) schliesslich erweist sich als entscheidend für kalkreiche Böden, wie sie in vielen europäischen Weinbaugebieten vorkommen. Ohne diese Genetik wäre der Wiederaufbau vieler Weinberge nach der Reblauskrise kaum möglich gewesen. Bis heute stecken diese Wildreben-Arten in fast allen klassischen Unterlagen, oft unbemerkt, aber überlebenswichtig für die Reben in ganz Europa.

Die Extreme: Muscadinia

Bei manchen Wildreben-Arten ist es etwas komplizierter: Vitis rotundifolia, auch Muscadinia genannt, ist genetisch so weit von Vitis vinifera entfernt, dass Kreuzungen lange als unmöglich galten, denn sie besitzt 40 Chromosomenpaare anstatt 38, wie alle anderen Vitis-Arten. Dafür besitzt sie eine umso grössere Widerstandskraft gegen Pilzkrankheiten. Besonders das effiziente Resistenzgen Run1 gegen den Echten Mehltau ist für die heutige PIWI-Züchtung äusserst wertvoll und stammt aus der Muscadinia-Rebe. Für die Züchtung ist sie somit ein genetischer Schatz, auch wenn ihr Geschmack und ihre Morphologie weit weg von klassischen Rebsorten ist.

Der amerikanische Rebenzüchter Thomas Volney Munson wagte sich Ende des 19. Jahrhunderts an etwas, das viele für unmöglich hielten: Er versuchte, die europäische Weinrebe mit der nordamerikanischen Wildrebe Muscadinia rotundifolia zu kreuzen. Munsons erste Kreuzungen waren noch keine grossen Weinreben, doch sie bewiesen etwas Entscheidendes: Die wertvolle Krankheitsresistenz der Muscadinia lässt sich grundsätzlich in andere Reben übertragen.

Rund ein halbes Jahrhundert später griff der französische Züchter Alain Bouquet diese Idee wieder auf und brachte sie entscheidend voran. Ab den 1960er-Jahren arbeitete er systematisch daran, die starken Resistenzgene der Muscadinia mit der Qualität der europäischen Weinrebe zu verbinden. Im Unterschied zu den frühen Versuchen gelang es ihm, stabile Kreuzungen zu entwickeln, die nicht nur robust, sondern auch weinbaulich nutzbar waren. Diese sogenannten Bouquet-Hybriden wurden zur genetischen Grundlage vieler moderner PIWI-Sorten.

Asien – das genetische Archiv der Zukunft?

Weitere Resistenzgenetik kommt aus Asien, zum Beispiel aus Vitis amurensis. Diese Wildrebe aus Nordostasien, vom Ufer des Amur-Flusses herkommend, trotzt Temperaturen von minus vierzig Grad und bringt eine stabile Pilztoleranz mit. Für die Züchtung von PIWI-Sorten in kühlen und kontinentalen Regionen ist sie äusserst interessant, auch wenn ihr früher Austrieb neue Risiken mit sich bringt.

Besonders spannend für die moderne PIWI-Züchtung sind auch asiatische Wildarten wie Vitis romanetii oder Vitis piasezkii. Sie tragen hochwirksame Resistenzgene gegen Echten und Falschen Mehltau in sich, Gene, die in Europa lange unbekannt waren. Diese Reben stehen sinnbildlich für eine neue Phase der Züchtung: weg von einfachen Kreuzungen, hin zu gezielten Kombinationen vieler genetischer Quellen. Ihre Einbindung ist komplex, zeitaufwendig und geschmacklich herausfordernd, doch ihr Potenzial ist gross.

Wenig interessant für die PIWI-Züchtung ist hingegen die europäische Wildrebe Vitis sylvestris, welche von Portugal bis Osteuropa vorkommt: Sie hat keine wirklich nützlichen Krankheitsresistenzen und ist auch geschmacklich nicht für die Weinherstellung geeignet. 

Von der Selektion zur Kombination

Ein Blick in die Geschichte der Rebenzüchtung zeigt ein klares Muster: Über Jahrtausende wurde fast ausschliesslich ausgewählt, nicht kombiniert. Die besten Reben wurden vermehrt, die schwächeren verworfen. Dieses Prinzip führte zu guten Weinen, aber auch zu einer genetischen Verarmung, die sich spätestens mit dem Auftreten neuer Krankheiten rächte.

Die Reblauskrise markierte den ersten Wendepunkt. Plötzlich wurde klar, dass Vitis vinifera allein nicht überlebensfähig ist. Unterlagen aus amerikanischen Wildreben retteten den Weinbau, jedoch ohne das Problem der Pilzkrankheiten grundsätzlich zu lösen.

PIWI-Reben stehen heute für den nächsten historischen Schritt. Zum ersten Mal geht es nicht mehr nur darum, eine resistente Eigenschaft einzukreuzen, sondern viele verschiedene genetische Quellen intelligent zu kombinieren. Das ist auch der Grund, weshalb neue Gentechnik nicht die Lösung ist: Einzelne anfällige Gene einfach «wegzuschneiden» oder Resistenzgene einzeln einzufügen ist wesentlich komplizierter und zeitaufwändiger als herkömmliche Kreuzung, wo viele verschiedene Resistenzgene mit einem Schritt eingekreuzt werden können.

Die Erfahrung zeigt: Je breiter die genetische Basis, desto stabiler die Resistenz. Einzelne „Supergene“ können versagen, stabiler sind vielfältige Genkombinationen. Die grosse Kunst der modernen Züchtung besteht darin, diese wilde genetische Vielfalt mit den sensorischen Qualitäten von Vitis vinifera zu verbinden. Denn nachhaltiger Weinbau wird nur dann langfristig akzeptiert, wenn er nicht nur ökologisch sinnvoll, sondern auch geschmacklich überzeugend ist. So gesehen sind Wildreben keine Relikte der Vergangenheit, sondern die Basis für die Zukunft. Fortschritt im Weinbau liegt nicht im Bruch mit der Natur, sondern im bewussten Zurückgreifen auf ihre Vielfalt.

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