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7 neue Schweizer PIWI-Sorten: Wie gut sind sie?

Blogartikel von Olivier Geissbühler

Auch der Schweizer Weinbau steht unter Druck: Sinkender Konsum, Preisdruck, Pilzkrankheiten, Klimawandel, steigende ökologische Anforderungen. PIWI-Rebsorten gelten deshalb auch hierzulande als Hoffnungsträger.

Ende Januar 2026 stellte Agroscope an der Agrovina in Martigny sieben neue resistente Rebsorten vor, ein wichtiges Signal für den nachhaltigen Weinbau in der Schweiz. Gleichzeitig lohnt sich ein genauer Blick hinter die Kulissen der Agroscope-Züchtungen.

Sieben neue PIWI-Sorten für den Schweizer Weinbau

Florisia, Elaris, Orellis, Damona, Valpesia, Dioniso und Taranis: Vier weisse und drei rote Sorten sind das Ergebnis von über 15 Jahren Züchtungsarbeit. Allen gemeinsam ist, dass sie je mindestens zwei bekannte Resistenzgene gegen Falschen und Echten Mehltau besitzen, manche sogar drei oder vier.

Dank sogenannter Genpyramidisierung benötigen diese Sorten deutlich weniger Pflanzenschutz: 80 bis 90 Prozent weniger Behandlungen sind möglich. Für Umwelt, Böden und Winzerinnen und Winzer ist das ohne Frage ein Gewinn.

Genpyramidisierung – je mehr Resistenzgene, desto besser

Was bei neuen PIWI-Sorten immer im Zentrum steht, ist die Zusammensetzung der Resistenzgenetik. Die neuen Agroscope-Sorten basieren genetisch alle auf einer relativ ähnlichen Auswahl an Vorfahren, sämtliche sieben Sorten haben jeweils zwei der insgesamt vier verschiedenen Elternsorten IRAC1933, Col-2024G, Voltis und Divico. Das bedeutet: Die genetische Vielfalt ist diesbezüglich eher eng. Solche Resistenzgenetik kann über eine gewisse Zeit funktionieren, birgt aber ein gewisses Risiko. Denn Pilzkrankheiten sind lernfähig. Mutiert ein Erreger so, dass er genau diese Resistenz überwindet, kann der Schutz rasch bröckeln. Das haben ältere PIWI-Sorten gezeigt, welche über die Jahre hinweg einen grossen Teil ihrer Krankheitsresistenz verloren, wie zum Beispiel Regent.

Während die neuen PIWI-Sorten von Agroscope jeweils zwei bis maximal vier Resistenzgene gegen den Echten und Falschen Mehltau kombinieren, sind es bei den neuesten Züchtungen des privaten Züchters Valentin Blattner jeweils 3-5, was die längerfristige Resistenz gegen die Pilzkrankheiten generell etwas stabiler macht. Zudem sind auch nicht alle Resistenzgene gleich effizient. Die Erfahrung von Valentin Blattner hat zum Beispiel gezeigt, dass sich gegen den Falschen Mehltau die Kombination der Resistenzgene Rpv10 und Rpv12 als besonders robust erweist. Sie kommt jedoch in keiner der neuen Agroscope-Sorten vor.

Verschiedene Verfahren für die Selektion

Der Unterschied zwischen den Züchtungsprojekten von Agroscope und Valentin Blattner liegt nicht nur im Ergebnis, sondern auch im Weg dorthin. Agroscope arbeitet primär mit markergestützter Selektion, wie in diesem Video erklärt wird. Das heisst: Bereits im Jungpflanzenstadium werden nur jene Sämlinge weiterverfolgt, die bestimmte, bekannte Resistenzgene tragen. Erst danach wird im Feld geprüft, wie sich diese Pflanzen tatsächlich verhalten und wie robust sie sind.

Valentin Blattner geht den umgekehrten Weg. Bei ihm zählt zuerst die Realität im Rebberg. Tausende Pflanzen stehen draussen, ohne Pflanzenschutz sämtlichen Krankheiten ausgesetzt. Nur jene Reben, die draussen die beste natürliche Resistenz zeigen, kommen überhaupt in die engere Auswahl. Erst danach wird im Labor analysiert, welche bekannten Resistenzgene sie tragen. Der grosse Vorteil dieses Ansatzes: Auch bislang unbekannte oder unerforschte Resistenzmechanismen können so entdeckt und genutzt werden. Am Ende bleiben so wirklich nur die robustesten Pflanzen übrig für die engere Selektion.

Wie dauerhaft sind die Resistenzen?

Genau hier liegt die offene Frage bei den neuen Agroscope-Sorten. Sie sind ohne Zweifel ein Fortschritt, doch wie lange ihre Resistenz unter Praxisbedingungen tatsächlich hält, wird die Zukunft zeigen. Eine genetisch breitere Abstützung erhöht erfahrungsgemäss die Chance, dass PIWI-Sorten auch in 20 oder 30 Jahren noch eine stabile Resistenz aufweisen. Und da könnten die Sorten von Valentin Blattner einen Vorteil haben.

Trotz dieser kritischen Punkte gilt: Die neuen Sorten sind auf jeden Fall eine Bereicherung für den nachhaltigen Weinbau in der Schweiz. Sie reduzieren Pflanzenschutz, passen in ökologische Konzepte und können, wenn Wuchs, Ertrag und vor allem das önologische Potenzial stimmen, den PIWI-Anbau in der Schweiz massgeblich fördern. Wie sich diese Sorten in der Praxis beweisen, wird sich in den nächsten Jahren zeigen. Die ersten Pflanzen werden voraussichtlich erst 2029 für interessierte Winzerinnen und Winzer verfügbar sein. Dass PIWI-Weine auch in der Schweiz sensorisch sehr gut akzeptiert sind, zeigt eine aktuelle Studie: Die Akzeptanz für PIWI-Sorten in der Schweiz ist hoch und wächst weiter.

Wunsch an die Forschung: Transparenz statt Marketing

Entscheidend ist eine offene, sachliche Kommunikation. Agroscope hat als staatliche Forschungsanstalt eine besondere Verantwortung: Stärken und Schwächen jeder Sorte für die Schweizer Winzerinnen und Winzer transparent darzustellen. Dazu gehört auch, Sorten anderer Züchter gleichwertig zu berücksichtigen, wenn sie in einzelnen Punkten bessere Eigenschaften aufweisen.

Jean-Sébastien Reynard von Agroscope versichert, dass diese Verantwortung wahrgenommen wird: «Agroscope nimmt diese Aufgabe sehr ernst. Wir haben seit mehr als 30 Jahren verschiedene PIWI-Sorten von verschieden Züchtern in der Praxis mittels einer Sortenprüfung getestet. Wir werden im April dieses Jahres einen Bericht veröffentlichen über verschiedene 63 PIWI-Sorten, die wir bei Agroscope auf dem Feld und bezüglich Weinqualität getestet haben. Die Idee ist, die Stärken und Schwächen jeder Sorte für die Schweizer Winzerinnen und Winzer transparent darzustellen.»

Denn am Ende geht es nicht nur um Züchtungsprogramme oder einzelne Rebsorten, sondern um das gemeinsame Ziel: einen resilienten und zukunftsfähigen Schweizer Weinbau zu sichern. Und dafür braucht es Vielfalt, im Weinberg wie auch in der Rebenzüchtung.

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