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Humus statt Bewässerung – lebendige Böden als Wasserspeicher

Blogartikel von Olivier Geissbühler

Wenn der Delinat-Winzer Roland Lenz durch seine Reben schreitet, klingt er ein bisschen wie ein Rebell gegen den Mainstream. Während viele Winzer auch in nördlicheren Regionen über Tropfschläuche und Bewässerungssysteme nachdenken, winkt er nur ab: Den Sinn einer Bewässerung sehe ich bei uns wirklich nicht.“

Warum? Weil Wasser eine wertvolle Ressource ist – und Weinbau langfristig ohne künstliche Bewässerung funktionieren muss. „Wir brauchen Trinkwasser für die menschliche Ernährung – nicht für Reben“, sagt Lenz. Sein Ansatz: Den Boden so lebendig machen, dass die Rebe sich selbst versorgen kann.

Der Schlüssel liegt im Boden – genauer gesagt: im Humus

Anstatt Wasser in den Weinberg zu pumpen, baut Lenz Humus auf. Dieser dunkle, krümelige Bodenanteil funktioniert wie ein riesiger Schwamm: Er speichert Wasser, Nährstoffe und Leben. „Wir müssen mindestens fünf Prozent Humus erreichen – das ist unser Ziel“, erklärt er.

Das gelingt nur, wenn der Boden ständig bedeckt bleibt: mit Pflanzen, Wurzeln, Mulch. So heizt er sich im Sommer weniger auf, bleibt feuchter und bietet Mikroorganismen ein bewohnbares Zuhause. Diese winzigen Bodenbewohner – Bakterien, Pilze, Regenwürmer – sind die wahren Wasser- und Nährstoffmanager des Weinbergs.

Hitze, Stress und Sonnenbrand – was in der Rebe passiert

Bei Temperaturen über 30 Grad schaltet die Rebe in den Sparmodus.
Die Spaltöffnungen auf den Blättern schliessen sich, damit kein Wasser verdunstet. Photosynthese? Nur noch am frühen Morgen. „Ab zehn Uhr passiert im Hochsommer meist nichts mehr – die Rebe kühlt sich nur noch selbst“, so Roland Lenz.

Junge Reben leiden bei Hitze besonders. Sie müssen jede Energie darauf verwenden, sich zu kühlen. Ältere Pflanzen sind robuster – vor allem, wenn sie tief wurzeln und gut eingebettet sind in ein lebendiges Bodennetzwerk.

Und da kommt ein weiterer Vorteil der neuen PIWI-Sorten ins Spiel, welche der Delinat-Winzer in seinen Weingärten stehen hat: „Ich habe bei PIWIs noch nie Sonnenbrand gesehen“, so Lenz. Sorten wie Riesling dagegen seien „unglaublich labil“ – bei freigelegten Trauben und Hitze geht es schnell mit verbrannten Beeren. Dass PIWI-Sorten die Hitze besser ertragen, zeigen auch andere Untersuchungen.

Die heimlichen Helden unter der Erde: Mykorrhiza

Unter der Erde läuft der eigentliche Zauber ab. Die Rebe ist nicht allein, sie lebt im Idealfall in Symbiose mit Mykorrhiza-Pilzen – einem feinen Wurzelgeflecht, das sich durch den Boden zieht. Diese Pilze liefern Wasser und Nährstoffe, die die Rebe selbst gar nicht erschliessen könnte. Im Gegenzug gibt die Pflanze Zucker zurück – eine Win-win-Beziehung.

Damit diese Partnerschaft funktioniert, braucht es Ruhe und Respekt vor dem Bodenleben. „Je weniger wir den Boden verdichten, je weniger Fungizide wir einsetzen, desto besser funktioniert dieses System“, sagt Lenz. Schwefel und Kupfer? Auch das seien Fungizide – also Pilzgifte – und damit schlecht für das empfindliche Netzwerk im Boden.

Humus statt Bewässerung

Jeder Niederschlag ist für Roland Lenz eine Chance: „Was immer herunterprasselt, soll hier gleich vor Ort vom Boden konsumiert werden.“ Ein humusreicher, belebter Boden kann Wasser aufnehmen wie ein Schwamm – statt dass es oberflächlich abfliesst oder Erosion verursacht. Regenwürmer bohren Gänge, Mikroorganismen verbessern die Struktur, und die Rebe bekommt, was sie braucht – auch nach Wochen der Trockenheit.

Statt Leitungen, Pumpen und Tanks setzt Roland Lenz auf das, was die Natur seit Jahrtausenden kann: ein lebendiges Bodenökosystem.
Wer den Humus pflegt, schützt nicht nur den Wasserhaushalt, sondern stärkt auch die Reben – und macht den Weinbau unabhängiger vom Klimastress.

Transkript
Also den Sinn einer Bewässerung sehe ich wirklich nicht. Ich denke, wir müssen versuchen, Wein zu erzeugen ohne Trinkwasser ins System zusätzlich zu bringen, weil wir das Wasser für menschliche Ernährung brauchen, wenn überhaupt. Also um Kulturen zu bewässern wie Kartoffeln, Gemüse oder anderes, aber vermutlich nicht für Reben. Deshalb müssen wir etwas Langfristiges am System ändern, damit die Rebe unabhängig wird, ob es jetzt ein halbes Jahr trocken ist oder extrem feucht. Und das geht nur über den Humusaufbau. Die 5% als Minimum anstreben. Das ist eigentlich unsere Aufgabe. Und das heisst, wir müssen alles machen, damit der Boden jetzt hier zum Beispiel abgedeckt bleibt. Dann hat er weniger Hitze an der Bodenoberfläche. Mikroorganismen bleiben eher oberflächlich, weil es noch Feuchtigkeit hat in den obersten 25 Zentimetern. Dann können sie auch die Rohfasern, die hier geknickt sind noch verwerten. Und können trotzdem weiterhin Humusaufbau betreiben. Nicht dass wenn der Sommer da ist, die Wärme da ist, im Boden nichts passiert. Genau dann passiert der Humusaufbau. Im Winter kann der nicht geschehen, weil dann die Mikroorganismen ganz tief unten und eher im Winterschlaf sind. Deshalb müssen wir jetzt im Sommer schauen, dass wir den Boden trotzdem bedeckt haben und viel Food für die Mikroorganismen herbringen können. Man sieht, hier haben wir gewalzt. Das war eine Einsaat, die war etwa so hoch. Wir haben sie vor zwei Wochen gewalzt, damit einfach der Boden bedeckt ist und die Pflanze ist zwar noch da, aber zieht nicht mehr viel Wasser aus dem Boden um die dreijährigen Reben, weil ja hier alles begrünt ist, nicht zu stark zu konkurrenzieren in diesem Stadium. Wenn die Reben älter sind, ist das kein Problem mehr, aber im jetzigen Stadium ist das eine gewisse Konkurrenz. Die meisten Reben, vor allem die älteren Reben, also 8-jährig oder älter, stellen eher wegen den Temperaturen das Wachstum ein, die wachsen eher während der Nacht. Und am Tag, sobald es über 30 Grad ist, passiert sowieso nichts mehr, da ist die Spaltöffnung geschlossen und die Rebe kühlt sich nur noch selber, wenn überhaupt. Also dort geht dann eigentlich viel Energie verloren. Diese jungen Reben hier wachsen nicht mehr momentan. Die müssen jetzt schauen, dass sie sich selber kühlen können, damit sie paar Stunden am Tag Photosynthese machen können, wo dann auch Zucker gebildet wird, aber das werden nicht 16 Stunden am Tag sein, sondern das wird im besten Fall am Morgen früh sein, wenn die Sonne langsam kommt und es bis 10 Uhr noch angenehm ist. Aber ab 10 Uhr haben wir hier an den Südhängen schon gegen 30 Grad jetzt und dementsprechend erhalten sich die Reben jetzt selber. Vor relativ langer Zeit hat man hier schon gekappt und der Neuzuwachs, 1-2 cm, zeigt, dass nicht viel passiert momentan. Also ich beobachte schon, dass wir weniger Sonnenbrand haben bei PIWIs, ganz klar. Also massiv, ich könnte jetzt gar keine Traubensorte aufzählen, wo wir je Sonnenbrand gehabt haben. Und ich kann mich noch gut erinnern: Riesling zum Beispiel ist unglaublich labil. Also Auslauben bei solchen Temperaturen durfte man eigentlich gar nicht, weil wenn die Traube hervorkommt und die Sonne darauf knallt bei solchen Temperaturen, hat man sofort Sonnenbrand. Das passiert bei den PIWIs bis anhin nicht, das habe ich nie beobachtet. Wir haben immer zwei Teile bei der Rebe, oben der Edelreis, die PIWI- oder europäische Sorte und im Boden die Unterlage. Und die Unterlage, also die Wurzeln der Rebe eigentlich, welche Reblaus-resistent ist, hat vor allem die Funktionaliät des Wasserhaushalts. Und da sehe ich schon: Je schwächer die Unterlage ist, welche wir pflanzen, umso schwächer ist auch die Rebe. Und umso stärker ist sie auch der Trockenheit ausgesetzt. Das heisst, wir versuchen eher eine starkwüchsige Unterlage auszuwählen, wo dann unser Edelreis drauf kommt. Also eine Unterlage, welche viel Dampf hat, damit sie eben auch, wenn die Trockenheit da ist, tiefere Regionen erschliessen kann. Oder eben auch sofort Symbiosen eingeht mit dem Mykorrhiza-System im Boden, das ist das nächste: Wir sprechen ja immer von diesem Pilzgeflecht im Boden, wo die Pilze Wasser und gewisse Nährstoffe für die Reben bringen, welche die Rebe gar nicht selber aus dem Boden lösen kann. Und dafür gibt die Rebe Kohlenhydrate den Pilzen und Bakterien ab, das ist diese Symbiose, welche im Boden spielt. Und diese Symbiosen müssen wir auch noch verbessern, das ist auch etwas: Je mehr Mykorrhiza-Pilze wir im Boden drin haben, umso besser wird auch der Wasserhaushalt schlussendlich. Je ungestörter dieses System wirkt, also je weniger dass wir den Boden verdichten, je weniger Fungizide wir einsetzen, “Fungi” - ”Pilz”, ”zide” - abtöten. Das heisst: Verzicht auf Schwefel und Kupfer, weil das sind auch Fungizide; umso besser funktioniert dieses System. Ich sehe wirklich für uns, weil wir haben immer noch ein bisschen mehr Niederschlag und etwas besser verteilt immer noch, als im globalen Süden, dass wir einfach unsere Hausaufgaben wahrnehmen, und Humusaufbau machen und dementsprechend, durch den Niederschlag, der dann kommt, dass wir den - wo immer er auch fällt - auffangen, der prasselt auf diesem Quadratmeter herunter und wir auch gleich hier konsumiert vom Boden. Das müssen wir machen und das geht nur über Humusaufbau. Belebter Boden, viel Regenwürmer, welche Röhren drin machen, wo das Wasser anschliessend direkt drin versickern kann.

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