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Prosecco auf PIWI-Kurs: Italiens Schaumwein-Lokomotive denkt um

Prosecco ist ein zeitloser Klassiker und für viele der Inbegriff von unkompliziertem Genuss: erfrischend, fruchtig und belebend. Und er sorgt trotz weltweitem Sinkflug des Weinmarktes immer noch für ordentlich Absatz: Prosecco ist ein weltweiter Exportschlager und die Produktion wächst weiterhin. Die Appellation vermeldete trotz der internationalen Instabilität für das Jahr 2025 schwarze Zahlen. Im letzten Jahr waren es 667 Millionen produzierte Flaschen, von denen mehr als 82 Prozent in 164 Länder rund um den Globus exportiert wurden. Der Gesamtwert der Produktion erreichte beeindruckende 3,6 Milliarden Euro. Speziell in den USA wächst die Beliebtheit stetig, der Prosecco hat mittlerweile den Champagner überholt.

Aber auch der erfolgsverwöhnte Prosecco muss sich für die Zukunft wappnen: Klimawandel, steigender Krankheitsdruck und eine Öffentlichkeit, die eine ökologische und nachhaltige Anbauweise erwartet. Umso bemerkenswerter ist die Nachricht aus Norditalien: Im Valdobbiadene ist konkret geplant, künftig auf ökologische PIWI-Sorten zu setzen, und zwar nicht als exotische Randidee, sondern als wichtige Ergänzung zur bisherigen Glera-Traube. Das zeigt, dass auch in Italien die Relevanz von PIWI-Sorten erkannt wird.

Das Prosecco-Anbaugebiet in Norditalien

Die Anbaugebiete liegen in Norditalien, in Teilen des Venetos und in der Region Friaul-Julisch Venetien. Dazu kommen die prominenten Kernzonen wie Conegliano Valdobbiadene Prosecco Superiore DOCG oder Asolo Prosecco DOCG, die zwar kleiner sind, aber für Image und Prestige eine zentrale Rolle spielen. Prosecco wird überwiegend aus der Rebsorte Glera hergestellt, die Anteile dieser Sorte müssen zwischen 85 und 100 Prozent liegen.

Der Name Prosecco hat übrigens nichts mit dem italienischen Adjektiv secco (trocken) zu tun: Der Name Prosecco stammt ursprünglich von einem kleinen Ort bei Triest im Nordosten Italiens, der so heisst. Früher wurde dort die weisse Rebsorte Glera angebaut, die man ebenfalls Prosecco nannte. Der Wein aus dieser Traube wurde daher nach diesem Ort benannt. Seit 2009 heisst die Rebsorte offiziell Glera, damit der Name Prosecco rechtlich geschützt ist und nur für Schaumweine aus bestimmten Regionen Venetiens und Friauls verwendet werden darf.

Drucktank anstatt Flaschengärung: So wird Prosecco gemacht

Prosecco entsteht typischerweise nicht durch Flaschengärung wie Champagner, sondern im Drucktank, also nach der Martinotti- bzw. Charmat-Methode. Vereinfacht gesagt: Zuerst wird ein Grundwein erzeugt, danach findet die zweite Gärung in grossen, druckfesten Tanks statt. Das hat zwei Vorteile, die Prosecco zu Prosecco machen: Die Frische bleibt im Vordergrund, die fruchtigen Aromen kommen klar und sauber durch, und das Ganze ist effizient und skalierbar, was bei solchen Mengen auch nötig ist. Damit dieses Profil gelingt, braucht es Trauben, die gesund sind, eine stabile Säure mitbringen und aromatisch nicht aus der Reihe tanzen.

Herzstück ist dabei die Sorte Glera. Sie steht für Apfel- und Birnenfrucht, manchmal einen Hauch Pfirsich oder Blüten, und vor allem für eine frische, schlanke Stilistik, die im Schaumwein besonders gut funktioniert. Ein Prosecco durfte bisher nur mit maximal 15 Prozent autochthonen Rebsorten (Bianchetta, Perera, Verdiso, Glera lunga) oder internationalen Sorten, wie Chardonnay, Pinot bianco, Pinot grigio und Pinot nero, ergänzt werden.

PIWI-Sorten mit Glera-Genetik

Vor diesem Hintergrund ist das Projekt „La Glera del futuro“ so spannend. In Rauscedo haben die Vivai Cooperativi Rauscedo (VCR) und das Forschungsinstitut CREA sieben neue Rebsorten vorgestellt, die alle aus der Prosecco-Rebsorte Glera heraus gezüchtet und mit Resistenzpartnern gekreuzt wurden. Das Ziel dahinter ist klar: Es soll künftig dieselbe Prosecco-Aromatik bestehen bleiben, aber zugleich möchte man krankheitsresistentere Rebsorten pflanzen.

Diese neuen Selektionen sind darauf ausgelegt, gegenüber Falschem Mehltau (Peronospora) und Echtem Mehltau (Oidium) deutlich widerstandsfähiger zu sein. Das Ziel ist eine deutliche Reduktion von Pflanzenschutzmitteln, bei gleichzeitiger Bewahrung der typischen Prosecco-Sensorik. In den vorgestellten Profilen der Neuzüchtungen klingt das wie eine Werkzeugkiste für unterschiedliche Bedürfnisse: mehr Frische und Säure hier, mehr aromatische Komplexität dort, maximale Sortentypizität an anderer Stelle. Dazu kamen mikrovinifikatorische Versuche, bei denen man bewusst testete, ob die neuen Varianten sensorisch „auffallen“, und wenn, dann möglichst wenig, weil Prosecco eben Prosecco bleiben soll.

Wichtiges Signal für die Weinwelt

Ökologisch gesehen wäre ein konsequenter Fokus auf PIWI-Sorten in einem so grossen Gebiet ein Hebel mit enormer Wirkung. Weniger Fungizidbehandlungen bedeuten weniger Belastung für die Umwelt, weniger Fahrten durch die Rebzeilen, weniger Verdichtung und meist auch mehr Spielraum, Begrünung und Biodiversität wirklich konsequent zu fördern. Besonders relevant ist das in Regionen, in denen Weinberge nahe an Dörfer, Strassen oder sensible Zonen grenzen. Und weil Prosecco so viel Fläche und so viel Menge benötigt, wäre jede prozentuale Reduktion bei den Behandlungen in absoluten Zahlen eine grosse Entlastung.

Das Prosecco-Gebiet ist mit der PIWI-Idee nicht allein: In anderen bekannten Gebieten wird ebenfalls schon getestet, wie PIWIs in strenge Herkunftssysteme passen könnten. In der Champagne gibt es beispielsweise Versuche mit der PIWI-Sorte Voltis, und im Piemont laufen erste Experimente mit der PIWI-Sorte Muscaris. Solche Schritte sind wichtig, weil sie zeigen, dass PIWIs nicht nur ein Thema für Nischen- oder Versuchsbetriebe sind, sondern zunehmend auch in Regionen diskutiert werden, die traditionell stark über Sortenidentität definiert sind.

Welche Resistenzgenetik steckt hinter den Neuzüchtungen?

Trotzdem gehört zu dieser erfreulichen Geschichte auch eine Portion Vorsicht. Ein zentraler Punkt ist die Resistenzgenetik: Bei den neuen Glera-Nachkommen von VCR ist öffentlich nicht klar ausgewiesen, welche Resistenzgene genau kombiniert wurden und wie breit die genetische Basis abgestützt ist. Das kann langfristig entscheidend sein. Wenn Resistenzkombinationen zu ähnlich sind oder sich auf wenige Quellen stützen, kann das Risiko steigen, dass Pilzpopulationen sich anpassen und die Resistenz mit der Zeit teilweise durchbrechen.

PIWI-Sorten sind nicht automatisch „für immer sicher“, sondern es hängt stark davon ab, wie robust und divers die Resistenz tatsächlich aufgebaut ist. Für die neuen Prosecco-PIWI-Sorten bedeutet das: Das ökologische Potenzial ist gross, aber die tatsächliche Stabilität der Resistenz wird sich erst über Jahre in der Praxis wirklich zeigen.

Auch die Politik muss Schritt halten

Und dann gibt es noch eine weitere grosse Hürde, die nicht im Weinberg steht, sondern im Gesetz. In ganz Italien sind PIWIs für Weine mit geschützter Ursprungsbezeichnung wie DOC und DOCG derzeit immer noch nicht zugelassen, Italien ist damit der Sonderfall in der EU. Politisch ist zwar eine Revision bereits angestossen, doch bis neue Regeln in Kraft sind und die Disziplinare angepasst werden können, braucht es Zeit.

Und selbst wenn die rechtliche Tür bald aufgeht, folgt die nächste Zeitschleife: Die Reben der neuen PIWI-Sorten müssen zuerst noch vermehrt, gepflanzt und in die Ertragsphase gebracht werden. Realistisch ist deshalb, dass bis zur rechtlichen Zulassung, grossflächigen Pflanzung und einer nennenswerten Menge an PIWI-Prosecco nochmals locker zehn Jahre vergehen.

Am Ende bleibt dennoch: Wenn ausgerechnet ein so grosses, sichtbares System wie Prosecco ernsthaft in Richtung PIWI denkt, verschiebt das die Diskussion vom „Ob“ stärker zum „Wie“. Es ist eine echte Chance, Prosecco nachhaltiger zu produzieren, den Pflanzenschutz deutlich zu reduzieren und gleichzeitig die Stilistik zu bewahren, die ihn weltweit so erfolgreich gemacht hat. Ob daraus tatsächlich ein neues Kapitel bezüglich Nachhaltigkeit entsteht, hängt jetzt vor allem davon ab, wie schnell Politik und Herkunftsregeln nachziehen, wie schnell die neuen Sorten gepflanzt werden und wie krankheitsresistent sie am Ende wirklich sind.

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